Geschichte

Halbe Lokomotiven – doppelter Erfolg

Schnellbahnlok von 1903 wurde später geteilt / In Murnau bis 1977 im Einsatz

Mit Erstaunen quittiert selbst un­sere vom Tempo geprägte Zeit, daß die Eisenbahn in Deutschland schon um die Wende zum 20. Jahrhundert mehr als 210 km/h erreichte. Die Industrie suchte da­mals für die Stark­stromtechnik, die 1866 mit der Entdeckung des dynamo­elektrischen Prinzips durch Wer­ner Siemens begründet worden war, einen weiteren Anwendungsbereich.

Zwischen 1901 und 1903 fanden umfangreiche Versuchsfahrten auf der Militärbahn Marienfelde ‑ Zos­sen südlich von Berlin statt. Sie­mens und die AEG bauten dafür je einen Trieb­wagen, von denen einer am 27. Oktober 1903  mit 210,2 km/h einen Weltrekord aufstellte. Siemens baute für weitere Versuche noch eine Loko­motive, die immerhin 150 km/h erreichte. Nach Abschluß der Versuche gab es keine geeig­nete Verwendung mehr, nach Ende des Ersten Weltkrieges stand die nach wie vor schnellste elektrische Lo­komotive der Welt noch im­mer in Berlin auf dem Abstellgleis.

Die kuriose Fortsetzung der Ge­schichte schien jahrzehnte­lang niemandem besonders bemerkenswert, bis sie von findigen Eisenbahn‑Historikern ‑ zunächst als kühne Theorie ‑ aus der Mottenkiste geholt wurde. Die Lokomotive ‑ so hieß es – sei nach dem Krieg in zwei Hälften geteilt und so, mit neuen elektrischen Einrichtungen ausgerüstet, weiter verwendet worden. Die eine Hälfte habe Siemens auf der werkeigenen Güterbahn in Berlin-Siemensstadt eingesetzt, die andere 1922 an die Lokalbahn AG in München für die Strecke Murnau – Oberammergau geliefert, wo zwei Lokomotiven im Jahr zuvor bei einem Unfall stark beschädigt worden waren.

Der Beweis für diese Darstellung ergab sich durch Zufall. Auf einem Foto aus dem Jahre 1903 ließ sich an der Schnellbahnlokomotive mit der Lupe ein Fabrikschild entziffern: “Van der Zypen & Charlier‑Deutz ‑ 1901 ‑ No 70418″. An der gerade für eine Generalüberholung zerlegten Siemens­-Lok Nr. 3 fanden sich zu beiden Seiten genau diese Schilder. Vermutlich hatte die Not nach dem Ersten Weltkrieg erfinderisch gemach­t. Außerdem bot der Auftrag der Münchner Lokalbahn AG Gelegenheit, mit dem Oldtimer noch ein wenig Geld zu verdienen.

Siemens-Versuchslok vor und nach der Teilung; Foto: Archiv Ralf Roman Rossberg

Siemens-Versuchslok vor und nach der Teilung; Foto: Archiv Ralf Roman Rossberg

Dort, wo die Lokomotive geteilt worden war, befand sich nur eine glatte Blechwand mit Tür und Übergang, die technische Ausrüstung war unter dem Vorbau auf der anderen Seite des Führerraums untergebracht. Doch dieses merkwürdige Aussehen behielt die als LAG 4 bezeichnete Lok nicht lange. Nach einem Transformatorbrand 1929 kam sie – zunächst – aufs Abstellgleis in der LAG-Hauptwerkstätte Thalkirchen.

Für den erwarteten starken Verkehr zu den Oberammergauer Passionsspielen 1934 drängte sich die Instandsetzung auf. Krauss in München lieferte einen neuen Aufbau, ähnlich dem der bereits vorhandenen LAG 1 bis LAG 3. Die elektrische Ausrüstung wurde in der Murnauer Werkstatt eingebaut, wobei brauchbare Teile aus der Schnellbahnlok wieder Verwendung fanden.

Seit 1938 gehörte die Oberammergauer Strecke zur Deutschen Reichsbahn, die Lokomotiven erhielten die Bezeichnung E 69, es blieb aber bei der gegenüber dem übrigen Netz geringeren Oberleitungsspannung von 5000 Volt. Erst 1954 stellte die Bundesbahn die Strecke auf 15 000 Volt um. Vier der inzwischen fünf Lokomotiven wurden ebenfalls umgebaut, auch die E 69 04. Sie blieb noch bis 1977 im Einsatz. Nach der Ausmusterung wurde sie am 21. April 1978 vor dem Bundesbahn-Zentralamt München an der Arnulfstraße als technisches Denkmal aufgestellt.

Nach der Bahnreform von 1994 ging die Deutsche Bahn AG daran, nicht mehr benötigte Immobilien zu vermarkten. Als die Denkmal-Lokomotive dem Investor im Weg stand, drohte sie auf dem Schrottplatz zu enden. Das führte zu einer spontanen Hilfsaktion aus der alten Heimat: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion brachten Unternehmen aus Murnau und Umgebung die E 69 04 zurück. Am 3. September 1997 wurde sie zusammen mit einem bayerischen Hauptsignal beim heutigen Bürgerbahnhof und dem ehemaligen Lokalbahnhof auf der anderen Straßenseite als Denkmal aufgestellt.

Text: Ralf Roman Rossberg